Jaroslav Rudiš - texty, ukázky, pøeklady, povídky

Jaroslav Rudiš - Der Himmel unter Berlin

ALLEIN DER ROCKER SCHAFFT LIEBE

„Willste heutzutage ne gute Schnalle abschleppen, musst du schon was pikantes zusammen kleistern, sonst kommste gar nicht zum Zug“, schwadroniert Pancho Dirk. Der als Sanitäter in Macondo war. Dem diese Geschichte zu mehreren Eroberungen verhalf, bis auf Katrin, die mich erobert hatte. Oder hab schließlich doch ich sie erobert?

„Diese neue Sorte Frau interessiert mich gar nicht, diese ausgemergelten maskulinen Bügelbretter – hat nicht direkt was mit der Katrin zu tun, keine Angst - ich meine die, die ins Tresor zur Techno kommen, diese Pimpeltussis, die ausschließlich Pina Colada zu sich nehmen und sich stundenlang vor dem Spiegel herausputzen, damit ihnen nach ner Minute Tanz die ganze Schminke vom Gesicht runter fließt, diese zarten Geschöpfe, die eigentlich nicht mal mehr trinken, nur noch am Strohhalm kauen, weil sie müssen ja auf die Linie achten. Vielleicht haben sie ne tolle Figur, mag schon sein, aber das ist auch alles, mit so’ner gehste ins Bett und die bricht unter dir zusammen wie’n Haufen Mikadostäbchen. So was kann man sich nur sporadisch antun.“

„Und was wäre so deine Wunschvorstellung?“

„Am besten find ich Frauen mit Gefühl. Russinnen oder Polinnen. Aber die findste weder im Tresor noch im Roten Salon. Für das erste sind die zu scheu und für das zweite zu wenig intellektuell.“

Deswegen gibt Pancho Dirk Annoncen auf.

„Du musst dir immer was neues einfallen lassen, verstehste. Erfahrener Liebhaber zeigt dir die Wunder der Liebe. Pancho D. mit dem großen P. Nee nee nee. So was läuft nicht mehr. Solche Dinge waren vielleicht in, als sich mein Alter auf der Piste herum getrieben hat, jetzt sind’se aber mega out. Grosses P kann heute höchstens nen großen Pool bedeuten. Kriegste so ne Anzeige in die Finger, da lachst du dich nur kringelig.“

Pancho Dirk hat sich der Innovation verschrieben. Letzte Woche,  nach der Probe unserer – immer noch zweiköpfigen – Band, drückte er mir die vor lauter Kultur und Annoncen richtig in die Breite gegangene Berliner Zitty in die Hand. Unter Kontaktanzeigen las ich:

Deutsches Beafsteak, gut durchbraten, sucht ne pikante Forelle auf russische oder polnische Art zwecks Abendbrot inklusive Frühstück.

„Und hat sich schon jemand gemeldet?“

„Tja... Hab doch gesagt, diese Sorte ist scheu... Ein Koch hat sich gemeldet, der im Forum arbeitet. Aber: der ist’n Russe! Und was hat das zu bedeuten? Das bedeutet, dass zumindest die kulturelle Verbindung funktioniert, wenn auch die geschlechtliche Sortierung noch nicht so richtig ausgereift ist. Na ja, man muss einfach abwarten. Und wenn nichts kommt, dann denk ich mir halt was Neues aus. Nichts leichter als das.“

Bald danach erschien in der Zitty eine ganz andere und ziemlich fade Annonce, die auch von Pancho Dirk stammte. Sie lautete:

Punk-Rock-Band U-BAHN sucht patenten Schlagzeuger. Wir machen Musik für Lebende und Tote. Inspiration: Ramones, Jesus and Mary Chain, Stranglers, Joy Division, Iggy Pop, Bowie, Bukowski und Kundera. Proberaum vorhanden. Konzerte auch. Wir machen Ernst!

Vorsicht: Kein Kindergarten – Amateure, fernbleiben!

„Der Kundera, der ist deinetwegen drin, weil du’n Tscheche bist. Du magst ihn doch.“

„Schon, aber was hat der mit Punk-Rock zu tun?“

„Na, das müssen wir noch rauskriegen. Draus könnte sich gut ne neue Philosophie entwickeln, weißte? Wir könnten zum Beispiel sagen, Kundera stellt die intellektuelle Dimension unserer Musik dar. Und dazu die Schlagzeile: U-BAHN und die unerträgliche Bitterkeit des Seins. Mann, das muss unbedingt auf die Plakate drauf! Mit Leichtigkeit würde das nicht funktionieren, aber Bitterkeit, da fühlt man sich gleich irgendwie gerührt. Eigene Philosophie spielt ne ziemlich große Rolle bei einer Band, zumindest bei so einer wie wir. Noch wichtiger sind vielleicht nur noch Fotos, Image und Fan-Klub. Liest du denn kein Rolling Stone?“ lacht Pancho Dirk.

Auf die Annonce haben sich nicht viele gemeldet. Der erste hielt es nicht einmal für nötig, sich vorzustellen. Er raunzte lediglich in den Hörer: „Den Punk, den könnt ihr euch in den Arsch stecken, ha ha ha.“

Der nächste erschien bei der Probe.

„Man nennt mich Atom,“verkündete er dröhnend, als er unseren Proberaum in dem ehemaligen Wasserturm betrat. „Nicht übel, das Loch hier.“

Pancho Dirk lächelte gezwungen, schob Atom einen abgeschrammten Metallstuhl zu und bot ihm eine Zigarette an.

Atom war die Sorte Mensch, bei dem man problemlos das Wort Koloss benutzen darf. Er war zwei Meter groß und ein Meter breit und mit seiner Stimme könnte er Frühjahrshochwasser zurück in die Berge jagen. Er redete nicht viel. Er sagte nur, er habe drei Jahre Kernphysik an der FU studiert, wegen Angst vor möglichen psychischen Folgen habe er aber das Studium abgebrochen. Nur der Deckname ist ihm geblieben.

Mit bürgerlichem Name hieß er Gottlieb Emmerich, aber er wies uns gleich ausdrücklich darauf hin, er möchte nie so angesprochen werden. Er war zweiunddreißig, tagsüber schrieb er Agitationslyrik nach Vorbild von Brecht und Chomsky und abends verkaufte er die Morgenausgabe der taz. Beides fasste als er als seine Bestimmung auf.

Wie wir später erfahren haben, versuchte er die taz seit Jahren als Musikexperte zu stürmen. Seine Artikel bekam er aber immer wieder zurück, so dass er zuweilen – je nachdem, wie viele Biere er intus hatte - die Redaktion als einen stinkigen und konservativen Verein bezeichnete oder sogar als dumpfe Revanchisten, welche die alternative Szene Berlins nicht unterstützen wollen.

Nachdem er sich ausgetobt und ausgeschlafen hatte, verfasste er einen neuen Artikel, zum Beispiel über den Einfluss der hispanischen Hip-Hopp-Community auf das schwarze Gewissen der Weiß-Amerikaner. Solche Texte bezeichnete er als Musikessays.

Atom brachte auch ein eigenes Lied mit. Es hieß Ich bin Berlin. Er schnappte sich meine Gitarre und haute immer wieder zwei Punk-Akkorde rein, in die er monoton wie ein lodernder Ofen hinein brummte:

Ich bin Berlin

Ich bin Berlin

Ich bin Berlin

Ich bin Berlin

Ich weiß nicht: Wer bist du?

Ich kenn nicht deine Gefühle: Lass sie zu!

Ich bin Berlin

Ich bin Berlin

Ich bin Berlin

Ich bin Berlin

Sag mir: Wer bist du?

Zeig mir deine Gefühle! Lass sie zu!

„Mir geht’s um ne direkte und klare Position. Verstanden?“ polterte er, als er zu Ende gespielt hat.

„Was für ne Position?“, fragte Pancho Dirk.

„Politische. Ne extrem linke Position. Antikapitalistisch orientiert.“

„Aber in dem Song geht’s um Berlin und um ne Frau, oder?“

„Berlin ist Metapher. Die Frau auch. Du kannst es auch Metaphysik nennen, kommt auf den Blickwinkel an. Die Frau kann ruhig Revolution heißen. Mir geht’s drum, die Sachen knapp zu formulieren, gleichzeitig aber in einem breiteren und tieferen Kontext zu denken. Hab ich mich klar ausgedrückt?“

Es war schon klar. Wir versuchten wiederum Atom klar zu machen, dass wir von Punk die Energie übernommen hätten, die Position aber von irgendwo her anders schöpften, aus dem Herzen, wie es Pancho Dirk formulierte. Das klang vielleicht etwas poetisch, aber es stimmte.

„Hier der Peter, der hat mal nen tschechischen Dichter zitiert, der soll gesagt haben, nur noch ein Rocker kann heute Liebe schaffen. Das ist unser Ziel. Die Politik ist uns schnuppe,“ erklärte Pancho Dirk.

„Wer hat’s gesagt?“, fragte Atom misstrauisch.

„Wer hat’s gesagt?“, Pancho Dirk drehte sich zu mir um.

„Magor,“ sagte ich.

„Na klar, der Magor hat’s gesagt. N guter Kumpel von Havel.  So’n tschechischer Wolf Biermann, bloß ohne Gitarre. Sein ganzes Leben hat der im Knast gesessen, Papiertüten geklebt und so, bis er schwarz raus kam. Und dann hat er nicht gesagt, der Kommunismus sei scheiße oder so was, sondern dass nur ein Rocker die Liebe schafft. Das muss man sich vorstellen. Das ist kein Mensch, sondern Buddha. Das nenn ich Position!“, strahlte Pancho.

„Das ganze Leben ist der nicht im Knast gewesen...“ versuchte ich die Geschichte auf etwas realistischere Füße zu stellen.

„N Jahr hin, n Jahr her, drauf kommt’s nicht an. Wichtig ist was? Die  P O S I T I O N – also das, was er gesagt hat,“ Pancho Dirk holte tief die Luft, machte eine dramatische  Pause und wiederholte im pathetischen Ton eines Laienschauspielers: „Allein... der Rocker... schafft... Liebe.“

Der Himmel unter Berlin, Pøeklad: Eva Profousová, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei hamburg , vyšlo jako paperback 2005, vázaná 2004, ISBN: 3 87134 496 6